Freitag, 23. September 2016

Alles andere als „kalter Kaffee“


Trio Macchiato im Steinhaus

Zwei Herren im hellblauem Anzug mit Hut und eine Dame in rot betreten die kleine Bühne im vollbesetzten Steinhaus, der ehrwürdigen Häuptlingsburg im Rheiderland. Endlich sind die Außenarbeiten dort abgeschlossen, sodass die gut 50 Gäste des Konzertes mit dem Trio Macchiato besser zu uns finden und sogar ihr Auto abstellen konnten.

Jakob Neubauer, Foto: Former
Eine Reise mit dem Orient Express von Paris nach Istanbul war angekündigt. So weit, so gut, so bekannt. Mit einer Zigeunerweise aus dem Paris der 30er-Jahre nahm der alterwührdige Zug langsam und schwerfällig Fahrt auf. Erst einmal in Gang, waren alle guter Dinge und gespannt, was die drei Musiker denn sonst noch so aus ihren Instrumenten herausholen würden. Etwas leichter ging es mit einer französischen Musette weiter. Dazu inspiriert worden waren sie von einem Akkordeonisten, der in St. Malo an der Hafenmole saß: im blauen Anzug und mit Hut. Jakob Neubauer wird ihm in nichts nachgestanden haben. Der „Nachkomme deutscher Kolonisten vom Ufer des Schwarzen Meeres“ fasziniert mich immer wieder aufs Neue mit dem, was er aus seinem Instrumentarium (Akkordeon, Bajan, Bandoneon, Vibrandoneon etc.) so alles rausholt.
Jana Mishenina singt und spielt, Foto: Former
Die Dame in rot, Jana Mishenina, spielt nicht nur die erste Geige, sondern singt auch noch. Und wer sich im ersten Moment gefragt haben mag, ob das gut gehen könne, konnte sich gleich darauf entspannt wieder der Musik hingeben, denn sie kann es und das sogar in verschiedenen Sprachen.
Henry Altmann, der Bassist im Bunde, bedient ganz nebenbei noch das Becken, die Melodica und weitere Percussion-Instrumente und ist zuständig für alles Französische und Italienische – vor allem ist er Kaffeeexperte. Außerdem erzählt er wunderschöne Geschichten von Orangengärten in Rom, die betörend duften oder von warmen Sommernächten in Andalusien, die den ostfriesischen ebenbürtig sind. In eben einer solchen Sommernacht bat eine Zigeunerin den Mondgott Luna, ihr doch einen Mann zu schicken. Dieser willigte ein, jedoch nur unter der Bedingung, dass das erste Kind ihm gehöre. Es kam, was kommen musste: Der Traumprinz kam, sie gebar ein Kind – jedoch ein weißes. Der Mann war furchtbar eifersüchtig, schlug die Frau und brachte das Kind auf einen Berg. Immer, wenn kein Mond am Himmel stand, weinte das arme Kind. Das war die Geschichte zu „Hijo de la luna“, wunderbar in einer Instrumentalversion dargebracht. Die einzige ketzerische Frage, die sich mir stellte, war: „Seit wann liegt Andalusien an der Strecke des Orient Expresses?“.
Jana und Jakob im Zusammenspiel, Foto: Former
Dann ging es erneut nach Italien, wo man in erster Linie zum Klönen in den Supermarkt geht und nebenbei das Pfund Kaffee kauft. Spricht man italienisch, ist das die ideale Möglichkeit, dort mit anderen ins Gespräch zu kommen und die Geschichten aus dem Dorf kennen zu lernen. So ist die Originalversion von „Azurro“ von Paolo Conte beim Entrümpeln auf dessen Dachboden aufgetaucht und klingt doch ein wenig anders, als die, die durch Adriano Celentano bekannt geworden ist. Beim Trio Macchiato klang es nach einigen interessanten Wendungen jedenfalls so, als würde der Saal vibrieren, und das Publikum hielt es kaum auf seinen Stühlen.
Vor der Pause erreichte unser Zug aber noch den Balkan: Für die musikalische Einstimmung sorgte im Wesentlichen Jana mit dem Stück „Marjanja“, das das feurige Feeling und eine bittersüße Mischung aus Gift und Nektar und der Liebe zu einem Mädchen perfekt widerspiegelte.

In der Pause gab es – glücklicherweise weitestgehend unbemerkt von den Gästen – Besuch von zahlreichen Hornissen im Eingangsbereich, angelockt vom ungewohnten Licht in der Häuptlingsburg. Dank charmanter Werbung von Henry wurden einige CDs verkauft und schon nach etwa zwanzig Minuten konnte es weitergehen.

Henry Altmann, Foto: Former
Angesichts der gewechselten Hüte merkte man sofort: Wir sind in Istanbul angekommen. Das wurde sogleich auch musikalisch deutlich. Beim Titel „Istanbül“ sangen sie nun alle drei.
Der Orient Express hat schon seit jeher Verbrecher und Agenten angezogen, denkt man an Miss Marple oder eben James Bond. Tatsächlich soll in den 50er-Jahren einmal ein Agent aus dem Zug geworfen worden sein. Dementsprechend standen die „Liebesgrüße aus Moskau“ im Raum und einige aus dem Publikum sahen die Filmszenen quasi vorbeiziehen.
Ein sehnsuchtsvolles spanisches Liebeslied sang Jana als nächstes: „Querer“, was meiner Ansicht nach so viel heißt wie jemanden/etwas wollen oder gar begehren.
Unbeliebt machte sich das Trio Macchiato bei einem Bruchteil des Publikums vorübergehend mit bayrischem Schmäh. Dazu wechselte Henry sogar zum Tiroler Hut und jodelte passend zum Start des Oktoberfestes bei deutlich schlechterem Wetter. Und das, obwohl ihm bewusst war, dass „Ostfriesen keine Alpen“ mögen.
Rasanter ging es weiter: Sofort nach dem angekündigt „letzten Stück“ stand das Publikum nach einem rasanten Finale, in dem es ums Feiern mit viel Schnaps, Tanz und Musik ging und verlangte mit stürmischem Geklatsche nach mehr. An diesem spätsommerlichen Samstagabend gab es insgesamt drei Zugaben, die die bunte Mischung aus Tango, Musette, russischen und Balkanklängen noch einmal aufleben ließen: Kalter Kaffee schmeckt anders!



Trio Macchiato mit Tiroler Hut, Foto: Former



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